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Tip 16/2004 - Jackie A.
Jäger & Sammler
(...) Zu den ersten Kreuzberger Passionsspielen lud das Team von
Interpicnic ein. Die Macher der beliebten Stofftiersoap 'Humana'
haben ausnahmsweise nur mit menschlichen Darstellern gearbeitet
und mit Hilfe einer 30-köpfigen Mannschaft den Leidensweg eines
Kreuzbergers in 14 Stationen an der Oberbaumbrücke aufgeführt.
Und zwar derart überzeugend, dass ein vorbeiziehender Passant
sich mächtig empörte, warum niemand von den 'Gaffern'
eingriff.
Berliner Morgenpost Live 17.07.2004
Leidensstationen
Kreuzberger Passionsspiele am Gröbenufer
Jörg ist echt nett. Der Kreuzberger versteht sich echt prima
mit seiner alternativen Mutter, und man kann so gut mit ihm reden.
Leider weist er seine Mitmenschen gern auf ihr Fehlverhalten hin.
Das kann auf Dauer ja nicht gut gehen, und deshalb ähnelt Jörg
Jesus Christus, findet Regisseur Andreas Walter. Der Schöpfer
der Schmusetier-Soap 'Humana' und des szenischen Assessment-Centers
'Green Card' lässt nun im Rahmen seines Theaterprojektes 'Interpicnic'
erstmals seine 'Kreuzberger Passionsspiele' aufleben, eine aktuelle
Interpretation der biblischen Passionsgeschichte und des katholischen
Passionsritus. An der Anlegestelle am Gröbenufer, die mit ihren
Treppen an ein antikes Amphitheater erinnert, werden in bester Oberammergauer
Tradition (...) die 14 Leidensstationen Jörgs in einer Stunde
vorgeführt. Was wie eine Kreuzberg- oder Religionssatire klingt,
versteht sich als ernst gemeinte, mit Ironie gespickte Reflexion
über Zeitlosigkeit von Themen wie Neid und falsches Mitleid,
Egozentrik und die Machtlosigkeit politischer Führung.
Tip 15/2004
Passioniert
Interpicnic, die Mutter der Schmusetiersoapreihe 'Humana' schwenkt
derzeit von Plüsch zu Passion. Unter freiem Himmel erzählt
das mit Laien besetzte Projekt 'Kreuzberger Passionsspiele' vom
Leidensweg eines Kreuzbergers in 14 Stationen (...)
Zitty 15/2004
Leidens-Laienspiel
1. Kreuzberger Passionsspiele
Was Oberammergau kann, kann Kreuzberg schon lange. Und weil dem
so ist, hat interpicnic die 'Kreuzberger Passionsspiele' ins Leben
und Sterben gerufen. (...) Mit dabei ist in dieser alltagskompatiblen
Passionsvariation die Liedertafel Bianca Castafiore. Gesegnet seid
ihr.
Berliner Morgenpost 16.07.04 - Cosima Lutz
Jesus heißt Jörg - und lebt an der Spree
Die neue Passionsgeschichte für Kreuzberg
Folterszenen wie bei Mel Gibson wird der Zuschauer nicht sehen.
Der Berliner Theatermacher Andreas Walter hat aus der Leidensgeschichte
Jesu eine Kreuzberger Fassung gemacht, die keineswegs parodistisch
ist. Als Pontius Pilatus und der Hohepriester das Ende Jesu heraufbeschwören,
donnert es von oben: 'He ihr Idioten! Ich schmeiß` Euch gleich
`nen Blumentopf runter!' Für diesen Anwohner hörte bei
den Hinterhof-Proben zu den ersten 'Kreuzberger Passionsspielen'
der Spaß auf. 'Da wussten wir, wie echte Aggression klingen
muss', gibt Autor und Regisseur Andreas Walter zu bedenken. Solche
schauspielerischen Hinweise sind Gold wert, zumal für eine
Truppe, die fast nur aus Laien besteht. In der Künstlerkneipe
San Remo Upflamör nahe der Oberbaumbrücke erzählt
Andreas Walter, Erfinder der Schmusetier-Soap' 'Humana' und des
szenischen Assessment-Centers 'Green Card', von der 'Kreuzberger
Interpretation der biblischen Passionsgeschichte und des katholischen
Passionsritus' - seinem neuestem Stück im Rahmen seines Theaterprojektes
'Interpicnic'. Schließlich habe Mel Gibsons blutrünstiger
Film 'Passion' die wichtigsten Fragen ausgelassen: 'Warum leidet
Jesus?' Diese Frage beschäftigt den Sohn eines Diakons schon
lange, doch erst als ihm eine Knie-Operation Anfang des Jahres sechs
Wochen Krankschreibung ('Krankenkassenstipendium') einbrachte, war
die Zeit reif für den Passions-Text: 14 Leidensstationen auf
15 Seiten. Freunde und Bekannte stellten sich als Darsteller zur
Verfügung: Physiker, Sozialpädagogen und Studenten, Architekten,
Schauspieler, IT-Trainer, Juristen und Unternehmensberater. Jesus
heißt hier Jörg. Jörg, wie Walter ihn schuf, ist
ein netter Mensch, hat ein prima Verhältnis zu seiner alternativen
Mutter, melancholische Züge und wenig Verständnis für
sozial fragwürdiges Verhalten. Ein Kreuzberger wie aus dem
Reiseführer. Walter koppelt Kreuzberg - und Oberammergau-Klischee
und will beider 'Bruch'. Und? Warum also leidet Jörg? 'Es gibt
nicht den Schuldigen am Tod Jesu. Jeder ist Schuld. Jörg Kaier
(Jesus) und Tobias Pingler (Pontius Pilatus), die inzwischen ebenfalls
eingetrudelt sind, nicken. Wie passiert es, dass ein Pilatus vor
der Masse einknickt, obwohl er doch Christi Gedanken gar nicht so
dumm findet? Warum trägt ein Simon Jesu Kreuz wirklich? Was
also zunächst wie eine Kreuzberg- oder Religionssatire klingt,
will der studierte Theaterwissenschaftler und erklärte Sekundärliteratur-Verächter
Walter als eine mit Ironie gespickte Reflexion verstanden wissen:
über die Zeitlosigkeit von Neid und falschem Mitleid, Egozentrik
und der Machtlosigkeit politischer Führung. Es gibt, wie im
antiken Drama, einen Chor, und, ganz im Sinne des moralischen Lehrstücks,
einen Moderator, der die Szenen kommentiert. Folterszenen wird der
Zuschauer dagegen nicht sehen. Jesu Hinscheiden sei für ihn
vor allem ein 'Symbol für Abschluss und Neubeginn', sagt Walter,
und zu Zeiten vermehrter Berliner Kirchen(wieder-)eintritte darf
er mit gesteigerter Aufmerksamkeit rechnen. Jörg 'Jesus' Kaier
mutmaßt denn auch, dass das derzeitige Interesse von Künstlern
an christlichen Ritualen dem 'Versagen von Wirtschaft und politischen
Ideologien' zu verdanken sei. Und Tobias 'Pontius' Pingler meint,
die Leute ahnten, dass sie von sich selbst abgelenkt seien, durch
Neid und Angst. Österlich gestimmt, geht es noch kurz zur Ortsbesichtigung.
Beim Grillen am Gröbenufer war Walter die Ähnlichkeit
des Anlegers mit einem antiken Amphitheater aufgefallen. Das Fleisch
brutzelte und die Idee reifte. Jetzt, zwischen den beiden Treppen
direkt am Wasser, baut ein betagter Angler ruhig seine Angel auf.
Könnte schön werden, wenn, haha, auch Petrus mitspielt
und Karfreitagswetter schickt. Wenn die Türmchen der Oberbaumbrücke
die dicken Wolken pieksen und von oben genervte Blitze zischen.
Am Schluss, sagt Andreas Walter, soll Jörg über den Spree-Jordan
fahren. Nicht ganz hinüber, versteht sich. 'Er soll ja wiederkommen,
zu Applaus.'
Berliner Zeitung 17/18.07.2004 -
Kirsten Rießelmann
Hat der Kreuzberger Jesus verschlafen?
Passionsspiele mitten im Sommer: Welchen Sinn ergibt das?
Jörg Kaier: Den Leuten ist das egal, ob sie eine Passion an
Ostern sehen oder nicht. Hier in Berlin zumindest! Außerdem
steht Kreuzberg immer ein bisschen später auf. Deswegen Passion
in Kreuzberg im Juli. Bei uns geht es sowieso mehr ums Zwischenmenschliche.
Jesus heißt bei uns Jörg und trägt Alltagsklamotten.
Andreas Walter: Hätten wir unser Stück in die Passionszeit
gelegt, hätten wir doch die ganzen Christen enttäuscht,
weil es bei uns kein Kreuz, kein Blut und keine Nägel gibt.
Unsere Low-Budget-Passion ist eine Alltagsgeschichte.
Passion heißt Leiden. Woran leidet der Kreuzberger Jesus?
Kaier: Bei uns steht der Konflikt zwischen Jörg-Jesus und der
Gesellschaft im Mittelpunkt. Jörg leidet an seiner eigenen
Schwäche. Obwohl er Rückrad hat, überlegt er immer
wieder, ob er sich nicht doch anpassen soll. Dreimal wird er schwach.
So wie Jesus dreimal unter dem Kreuz zusammenbricht.
Wieso haben sie den Kreuzweg just nach Kreuzberg verlegt?
Walter: Unsere Protagonisten haben ein bestimmtes Kiez-Bewusstsein
und außer Karriere auch noch Selbstfindung im Sinn. Da lag
Kreuzberg als Ort nahe.
Kaier: Jesus` Mutter ist bei uns auch so eine typische Kreuzberger
Mutti: selbstbewusst, allein stehend, hat den Jungen selbst groß
gezogen, hat jetzt einen neuen Freund, der eifersüchtig ist
auf den Sohn. Typische Kreuzberger Familiensituation.
Ist die biblische Geschichte überhaupt noch zu erkennen?
Walter: Ich habe mir schon Mühe gegeben, dass die einzelnen
Szenen eine schlüssige Interpretation der 14 Kreuzwegstationen
des katholischen Passionsritus ergeben. Trotzdem kriegt das Publikum
lieber noch Zettel in die Hand, auf denen unsere Szenen den rituellen
Stationen gegenübergestellt sind.
Kaier: Um das Sakrale kümmert sich unser Chor, der nach jeder
Szene einen Choral singt. Na ja, eigentlich Intros von Schlagerstücken,
die aber sehr sakral klingen. Ein guter Kontrast zu dem Kreuzberger
Diskursalternativdeutsch, das wir sonst in dem Stück sprechen.
So: 'Was soll`n der Scheiß?'
Diskurs und sakrale Note: worum geht es ihnen mit der Passion?
Walter: Im Vordergrund steht das gemeinsame Erlebnis von 30 Leuten.
Es ging darum, Laien und Profis zu mischen, die Choräle zu
singen und das dann als Schnellschuss aufzuführen, mit allen
Risiken.
Wer stand Pate, Mel Gibson, Monty Python oder Oberammergau?
Walter: Mit Monty Python habe ich nichts am Hut!
Kaier: Gibsons Film war schon ein Schock. Ich dachte: Jetzt denken
doch alle, wir hängen uns an diese Jesus-Passions-Welle ran.
Das Vorbild ist wirklich Oberammergau.
Walter: Einfach diese Idee: Ich bereite zusammen mit meinem Dorf
etwas vor. Im Kleinen machen wir das jetzt auch. Wir sind halt kein
Dorf, sondern ein dörflich-großstädtischer Bekanntenkreis.
In Oberammergau spielt dieses Jahr der Bäcker den Petrus, und
bei uns ist es dann eben der IT-Berater.
Ist ihre Passion Trash-Theater?
Walter: Ich glaube nicht. Man muss das Thema ja brechen, um es überhaupt
machen zu können. Da muss man sich schon komische Sachen einfallen
lassen, sonst würde es ja richtig komisch. Wenn wir da jetzt
mit Sandalen und Kreuz rumrennen würden, dann wäre das
Trash. Oberammergau ist Trash.
Kaier: Ich würde schon sagen, dass Thema hat eine gewisse Exotik.
Man ist ja heutzutage eher post-religiös. Die politischen und
materiellen Ideologien sind ja am Absinken, da ist Religion schon
fast wieder en vogue.
Mode hin oder her. Die Passionsgeschichte kennt jeder. Da braucht
es gute Ideen, um noch zu überraschen. haben Sie die?
Walter: Ja klar. Wir haben tolle Requisiten: Eine Tasche, ein Sixpack
und zwei Stück Kuchen.
Kaier: Und eine Plastikflasche, mit der ich verprügelt werde.
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