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Tagespiegel 25.07.2002 - Christine Wahl
Wirf mein Leben an die Wand.
Acht Bewerber wollen eine 'Green Card' von Andreas Walter
Wer sich als bloßer Kulturkonsument unterfordert fühlt
und schon immer eine stille Neigung zur Selbstinszenierung hegte,
darf sich zu den aussichtsreichen Anwärtern auf Andreas Walters
'Green Card' zählen. Der Künstler lädt im 20. Stock
des TU-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz, zu seinem nun mehr vierten
'szenischen Assessmentcenter'. Vom dramatischen Selbstversuch abgesehen,
fällt also ein erhabener Blick auf die nächtliche Hauptstadt
ab. Was indes die szenische Aktion betrifft, müssen sich die
acht Laien-Akteure ihre Erhabenheit hart erkämpfen: In einem
fingierten Bewerbungsgespräch werden sie von einer Off-Stimme
zu Leistungswillen, Wertvorstellungen und ähnlich wesentlichen
Dingen des Lebens befragt. Und da parallel zum Verhör Urlaubs-,
Familien- oder gar Hochzeitsbilder aus den Privatalben der Bewerber
an die Wand projiziert werden, müssen sie sich auch noch gefallen
lassen, dass die Zuschauer ihre Äußerungen kritisch am
dokumentarischen Material überprüfen (...)
Berliner Zeitung 25.07.2002 - Ulrich Seidler
Meine Hauptrolle: Ich
Selbstbewusst (aber nicht arrogant), gepflegt (aber nicht eitel),
aktiv (aber nicht aggressiv)... Wer versucht, alle Tipps, die Bewerbungsberater
auflisten, gleichzeitig einzuhalten, wird beim Einstellungsgespräch
wie ein stockbeiniger nervöser Zombie rüberkommen - was
seine Chancen auf den Job minimiert. Aber am nutzlosesten ist der
quintessente Rat: 'Sei du selbst.' Ja klar, aber in welcher Rolle?
'Green Card' (...) beschäftigt sich mit der Selbstdarstellung.
Der Direktor Andreas Walter lädt zu den Abenden jeweils acht
Kandidaten ein, aus theaterbetrieblicher Sicht Laiendarsteller.
Allerdings ist man ja in der Sparte Selbstdarstellung eigentlich
immer Profi, insofern man ja von ihr lebt. (...) Im 20. Stock des
Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz kann man Leute bei der Selbstdarstellung
beobachten und dabei versuchen herauszubekommen, wie sie eigentlich
sind. Projizierte Fotos aus dem Privatleben (haben Selbstdarsteller
eigentlich ein Privatleben?) interferieren mit den Antworten, die
die Kandidaten auf Fragen aus dem Off geben. Für alle, die
Bewerber gern leiden sehen würden, es aber - vielleicht wegen
fehlenden Selbstdarstellungstalentes - nie bis zum Traumjob im Personalbüro
geschafft haben - und für alle anderen. (...)
Berliner Zeitung 20.07.2002 - Katja Winckler
Outing im Hochhaus
Die Frage aus dem Off ist nüchtern: 'Was verstehen sie unter
Leistung?' Die Kandidatin Nummer eins muss ein wenig überlegen.
'Dass ich während meiner Schwangerschaft 40 Kilo zugenommen
habe und mich trotzdem noch bewegen konnte', sagt die wieder schlanke
junge Mutter und lügt natürlich. Für Kandidat Nummer
zwei ist Erfolg, 'wenn ich mit mir selbst im Reinen bin. Wenn ich
wirklich bei mir bin.' Ganz anders Kandidat Nummer drei, ein Off-Schriftsteller.
Auf die Frage nach dem Wichtigsten in seinem Leben antwortet er
sofort: 'Meine Literatur.' Dafür erntet er zwar einen betrübten
Blick seiner Freundin. Aber da muss man durch. (...) 'Green Card',
das szenische Assessment-Center von Andreas Walter, spielt mit der
ungemütlichen Bewerbungssituation. Hier, im 20. Stock des TU-Hochhauses
am Ernst-Reuter-Platz, geht es nicht um einen Job im gelobten Land,
sondern um Selbstfindung. Acht Laiendarsteller aus Walters Bekanntenkreis
haben sich bislang in drei Staffeln den unerbittlichen Fragen gestellt.
Manch einer zieht sich bis aufs Hemd aus, andere antworten schlagfertig
und haben die Lacher auf ihrer Seite. Denn vor den Kandidaten sitzen
keine Personalchefs in grauem Zwirn, sondern Zuschauer bei Rotwein
oder Flaschenbier. (...) Während sich die von einem Spot angestrahlten
Bewerber in Zweierformationen im sonst dunklen Raum auf ihren Stühlen
winden oder zu Höchstform auflaufen, kann sich der Zuschauer
durch die an die Wand projizierten Fotos aus dem Familienalbum sein
Bild von der Entwicklung des Kandidaten machen. Die Bilder von Sandkasten,
Kinderfasching, dem Pfadfinderlager, der Konfirmation oder Jugendweihe,
(...) sind eine intime Entdeckungsfahrt. (...) Andreas Walter, jahrelang
Geschäftsführer der Kulturfabrik Lehrter Straße,
Buchhändler und Initiator des Theaterprojekts 'interpicnic',
in dessen Rahmen 'Green Card' läuft, möchte niemanden
fertig machen, sondern Leute zu Wort kommen lassen. Sie entscheiden
selbst, wie weit sie gehen wollen: ob sie ehrlich antworten oder
lügen. Teilnehmen kann jeder. Doch damit es beim Seelenstriptease
á la Arabella oder Vera ja zu keinen psychischen Nachwirkungen
kommt, können die Kandidaten beim Vorgespräch unangenehme
Fragen streichen. (...)
Tagesspiegel 19.07.2002
Was bin ich?
Ein Persönlichkeitstest
'Green Card', Andreas Walters dramatischer Beitrag über die
Strategien der Selbstvermarktung, hat sich erfolgreich etabliert:
Das 'szenische Assessmentcenter' ist bereits in sechster Auflage
zu erleben. Wieder werden, diesmal in den Kellerräumen des
Hauses der Sinne, acht Laiendarsteller in einem fingierten Bewerbungsgespräch
von einer Off-Stimme hartnäckig auf ihre Lebensziele, ihre
Wertvorstellungen und ihre Misserfolge abgeklopft. Parallel dazu
sieht der Zuschauer an die Wand projizierte Originalfotos aus dem
Privatleben der Bewerber, die das Gesagte quasi objektivieren und
zugleich eine intime Sicht auf die Aspiranten ermöglichen.(...)
Berliner Morgenpost 28.04.02 - Johanna Merhof
Aufkommende Schwangerschaft
Herr Schulz ist nervös. Fummelt an einem Taschentuch, wird
rot und tupft sich die schweißnasse Stirn. Die Spots sind
auf ihn gerichtet. 'Definieren sie Erfolg!' tönt eine Stimme
aus dem Off. 'Meinen Sie Erfolg bei Frauen?' windet sich der Kandidat.
Keine Antwort. 'Seine Ziele zu erreichen, dabei Blut und Wasser
zu opfern', Schulz grinst, 'und in der Kantine sagen die Kollegen
Mahlzeit.' Das Publikum im 20. Stockwerk des TU-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz
johlt. Bei 'Green Card', dem szenischen Assessmentcenter von Andreas
Walter (...) geht`s für acht Laiendarsteller ans Eingemachte.
In Bewerbungsgesprächen werden sie mit Fragen gelöchert.
Parallel dazu werden im Hintergrund Photos aus dem Privatleben gezeigt:
Bilder sagen oft mehr als Worte. Die Zuschauer (... ) erfahren zum
Beispiel, dass Frau Opel, Lektorin und Mutter, zur Entspannung Kleinanzeigen
ließt, dass sich Jörg Kaier, Musiker, um sich selbst
Sorgen macht und das Dorothee Schwarte trotz aufkommender Schwangerschaft
eine feste Stelle bekommen hat. 'Die haben sich mit mir ein dickes
Ei ins Haus geholt,' flachst sie (...). Der genius loci vervollkommnet
das Erlebnis 'Green Card': Durch die breite Fensterfront genießen
die Zuschauer den Blick auf das brausende Berlin, auf tausende von
Lichtern. (...)
FAZ 13.03.2002 - Anna Lehmann
Schaut her, ich bin`s!
Übung für Selbstdarsteller
Als Frau Regber gebeten wird den Begriff 'Leistung' zu definieren,
lacht sie verunsichert und begibt sich dann in die jüngste
Vergangenheit: Eine Leistung sei es, während einer Schwangerschaft
40 Kilogramm zuzunehmen und sich trotzdem bewegen zu können.
Für die Antwort erntet sie Gelächter und Beifall, und
sie setzt sich etwas entspannter auf ihrem Hocker zurecht. Yildes
Regber nimmt an einer Bewerbungsrunde teil, in der nichts in Aussicht
gestellt wird, außer dem Blick auf das nächtliche Berlin
aus der 20ten Etage des TU-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz. Den
Frager selbst kann man nicht sehen, seine Stimme kommt aus dem Dunklen,
doch die Zuschauer in den ersten Reihen, die an Tischchen sitzen
und an Bowle und Wein nippen. Etwa achtzig Leute sind gekommen,
um zu beobachten, wie sich acht befragte selbst darstellen. Jeweils
zwei Bewerber müssen sich abwechselnd äußern, zu
ihrem Alltag, ihren Erfolgen, ihren Zielen, ihren Wertvorstellungen.
Zu den Fragen werden Dias aus den privaten Fotoalben gezeigt. Yildes
Regber, so erfährt man, ist unlängst Mutter geworden und
als solche gerade zu Hause. Früher wollte sie einmal Demonstrantin
werden. Mit Schauspielerei hat sie nichts am Hut, sagt sie später,
als sie den Lichtkreis verlassen hat, sie habe zugesagt, weil ihr
Mann den Moderator kennt. Andreas Walter, der das Frage-Antwort-Spiel
zum zweiten Mal veranstaltet, hat Freunde, Bekannte und Verwandte
als Probanden rekrutiert. Nach Yildes Regber wird Herr Walter aufgerufen,
ein älterer Herr mit Glatze, dessen eingeblendetes Passbild
von einer einst vollen Haarpracht zeugt. Herr Walter ist Andreas`
Vater, doch das erfährt der Zuschauer nicht. Vielmehr, dass
Herr Walter verheiratet ist und die Einsamkeit schätzt und
Erfolg für ihn bedeutet, angelacht zu werden. Herr Walter spricht
bedächtig, mit schleppender Stimme. Ganz anders der junge Mann
neben ihm, der schnell und konzentriert antwortet, und den Blick
dabei fest aufs Publikum heftet. Niemand vergibt Noten, keiner wird
ausgebuht, es geht um nichts, doch versuchen die acht Menschen,
sich jeder nach seiner Weise so vorteilhaft wie möglich in
Szene zu setzen. In abgeklärter oder witziger oder aufrichtiger
oder bescheidener Form. Er möchte nicht in Schwächen bohren,
sondern Leute zu Wort kommen lassen, erläutert Andreas Walter
seine Idee. Er hat den Fragenkatalog zwei Wochen vorher vorgelegt,
damit sie streichen konnten, was ihnen nicht passt. Das hebt den
Abend über eine Talk-Show hinaus: 'Was würde ich wohl
sagen?' Wird in den Pausen gefragt. Denn wer eben noch als Voyeur
am Rande saß, kann sich beim nächsten Mal selbst äußern.
Andreas Walter sucht noch Kandidaten.
Neues Deutschland 08.03.2002
'Green Card', ein szenischer Einstufungstest, lässt sich (...)
mit Andreas Walter erleben. In einem fingiertem Bewerbungsgespräch
werden acht Laiendarsteller durch eine Stimme aus dem Hintergrund,
eine anonyme Instanz befragt. Die Fragen beziehen sich auf Lebensziele
Wertvorstellungen, Selbsteinschätzung, Misserfolge (...)
Zitty 09/2002 - Katja Winckler
Essen, fernsehen, vögeln
Zwischen Selbstinszenierung und Voyeurismus - Bewerbungsgespräche
als Improvisationstheater
Bewerbungsgespräche sind kein Zuckerschlecken: Schon im Vorzimmer
sind die Hände feucht, der Puls auf 180, und natürlich
hat die frisch erworbene Strumpfhose eine Laufmasche. Green Card,
das szenische Assessmentcenter von Andreas Walter, spielt mit dieser
ungemütlichen Situation. Wer sich die fingierten Bewerbungsgespräche
mit acht Laiendarstellern angucken möchte, muss erst einmal
hoch hinauf: in den 20. Stock des TU-Hochhauses am Ernst-Reuter-Platz.
Und da geht es gleich ans Eingemachte: 'Was verstehen sie unter
Erfolg?', tönt es nüchtern aus dem Off. Bewerber Nummer
eins, windet sich auf seinem Barhocker. Ein Spot ist auf ihn gerichtet,
ansonsten ist der Raum dunkel. Stockend kommt die Antwort: 'Wenn
ich mit mir selbst im Reinen bin. Wenn ich wirklich bei mir bin.'
Synchron tauchen hinter den in Zweierformationen präsentierten
Kandidaten an die Wand projizierte Fotografien aus dem Privatalbum
auf: die reichen von Gruppenbildern vor kitschiger Fototapete im
70er-Jahre-Wohnzimmer (Hatten wir nicht auch so ein spinatgrünes
Sofa und diese orangefarbenen Lampen?), Pfadfinderlager, erste Dauerwelle
bis hin zu Besäufnissen mit der Jugendclique - eine Entdeckungsfahrt
zurück in die Kindheit und Jugend. Manchmal sprechen die angegilbten
Bilder eine ganz andere Sprache als die Kandidaten: Fotos sagen
mehr als Worte. Nicht jeder hat Lust, sich vor versammelter Mannschaft
zu outen. Eine blonde Frau mit blutroten Lippen schießt -
harte Schale, weicher Kern - scharf zurück, als der anonyme
Interviewer sie fragt, wie sie sich entspanne: 'Essen, fernsehen,
vögeln. Und bitte in dieser Reihenfolge!' Und ein älterer
Bewerbungsgast umschifft die indiskrete Frage nach seinem Monatssalär:
'Das weiß nur meine Frau. Sie verwaltet das Geld.' Lebensziele,
Misserfolge oder Selbsteinschätzung - all das wird hier abgefragt.
Das ist Selbstinszenierung pur, denn natürlich will hier jeder
besonders witzig, geistreich, cool oder als Sensibelchen rüberkommen.
Einmal im Rampenlicht stehen, das hat schon was. Und die Zuschauer
befriedigen zu Flaschenbier oder Pinot Grigio ihren Voyeurismus.
Doch tiefe Einblicke gewährt die ungewöhnliche Lokalität
im TU-Hochhaus nicht nur ins Seelenleben der Kandidaten: Vom 20ten
Stock aus wirken die Straßenfluchten und Häuser wie eine
Spielzeugstadt. Geradezu banal erscheinen da menschliche Niederlagen
oder kleine Erfolge.
Zitty 09.03.2002
Green Card
Selbstdarstellung ist notwendig: Beim Gedichtaufsagen oder beim
Kreditgespräch mit der Hausbank. Das finden zumindest Andreas
Walter und Roland Schirmer. Damit wir alle fit werden für die
Bewerbungen dieser Welt, schicken sie stellvertretend acht Laiendarsteller
in eine fingierte Gesprächssituation, in der eine Stimme aus
dem Off sie zu Lebenszielen, Misserfolgen und Wertvorstellungen
befragt. Dazu gibt`s bildhaften Einblick in private Familienalben.
Und einen tollen Ausblick aus dem 20. Stock (...)
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